einblicke-ausblicke

Guten-Abend-Gottesdienst in Wangen.

Mit einem Team bereiten wir zweimal im Jahr einen etwas anderen Gottesdienst für Sonntag, 18.00 Uhr, vor. Zu einem Thema werden Gäste eingeladen, der Gottesdienst wird meist von einer Band musikalisch begleitet.

Wenn auch Sie Lust an der Vorbereitung und Durchführung solcher Gottesdienste haben, melden Sie sich bitte bei Pfarrer Joachim Wolfer. Wir freuen uns über Verstärkung im Team.

Termine für 2017

Sonntag, 02. April 2017, 18.00 Uhr, Michaelskirche

 

Sonntag, 15. Oktober 2017, 18.00 Uhr, Michaelskirche

 

 

Sonntag, 15. Oktober 2017, 18.00 Uhr, Michaelskirche

Kirchenrätin Dr. Christiane Kohler-Weiß

"Was macht mich innerlich wirklich frei?"
Im Gespräch über Luthers Freiheitsschrift.

Gast: Kirchenrätin Dr. Christiane Kohler-Weiß                
Musik: inside-out feat. Jenny Müller-Sprenger

Unseren Gottesdienst feiern wir mit Kirchenrätin Dr. Christiane Kohler-Weiß, die unsere Beauftragte für das Reformationsjubiläum in der Evangelischen Landeskirche ist. Sie ist zugleich die Herausgeberin von Luthers Freiheitsschrift in Leichter Sprache.
Im Gottesdienst werden wir mit ihr ins Gespräch kommen.

 

Bei der Vorbereitung hatte Pfarrer Joachim Wolfer schon Gelegenheit, mit ihr zu sprechen:

Warum haben wir in Württemberg als Motto des Reformationsjubiläums eigentlich „...da ist Freiheit gewählt?“
Wir haben ein Thema gewählt, das sowohl für den Glauben als auch gesellschaftlich von Bedeutung ist. Gerade dass „Freiheit“ in der christlichen Theologie und in liberalen Gesellschaften etwas Verschiedenes bedeutet, macht die Sache interessant! 

Sind Sie mit dem Verlauf des Jubiläums zufrieden?
Ich bin beeindruckt, wie engagiert und kreativ die Gemeinden, Kirchenbezirke und kirchliche Einrichtungen das Thema „500 Jahre Reformation“ aufgenommen haben. Auch viele Museen,
Theater und andere kulturelle Institutionen haben das Thema
Reformation oder das Thema Freiheit aufgegriffen. Das finde ich toll!

Was waren für Sie bisher Höhepunkte?
Das kann ich nicht beantworten. Ich habe schon sehr, sehr viele bewegende Gottes-dienste, interessante Debatten und wunderbare Konzerte erleben dürfen. Auch Theater-aufführungen, Ausstellungen und kluge Vorträge haben mich schon begeistert. Ein Höhepunkt, auf den ich mich aber noch sehr freue, ist das Festival „… da ist Freiheit“ auf dem Schlossplatz am 23./24. September.

Was hat Sie überrascht?
… dass von Feiermüdigkeit noch kaum etwas zu spüren ist. Klar gibt es immer die Stimmen, die sagen: „Jetzt ist aber genug mit Luther!“ Aber die meisten Veranstaltun-gen und Projekte erfahren viel Zuspruch. Mir wird immer wieder erzählt, dass Veranstal-ter von dem großen Interesse an ihren Angeboten selbst überrascht waren.

Was fasziniert Sie heute noch an Luthers Freiheitsschrift, die in unserm Gottesdienst im Mittelpunkt stehen wird?
Aus der ganzen Schrift weht mir der Geist der Freiheit entgegen, von dem Luther bewegt war. Der Text ist getränkt von Dankbarkeit, Freude und Liebe. Hinzu kommen scharf-sinnige Argumentationen und eine wunderbare Sprache. 

Haben Sie schon einmal mit Ihren Kindern über Luthers Thesen aus der Freiheits-schrift diskutiert?
Ich habe jedem meiner Kinder – und Patenkinder! – die Ausgabe von Luthers Schrift in Leichter Sprache geschenkt, aber gelesen hat es vermutlich keines. Meine Kinder haben den Freiheitsdrang aller jungen Menschen. Und sie wissen, dass Freiheit und Verantwor-tung zusammengehören. Das hat durchaus mit Luther zu tun.

Luthers Thesen provozieren heute noch:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“
Kann Luther diesen Widerspruch auflösen?

Er schon. Die Frage ist, ob wir diesen Widerspruch auflösen können.

Ist die Seele wirklich frei, von äußeren Anfechtungen, wie Hunger und Durst, Gesund-heit oder Krankheit, wie Luther das behauptet?
Natürlich ist sie das nicht. Die Psyche leidet mit, wenn es dem Leib schlecht geht. Aber es gibt einen Kern meiner Person, der bei Gott geborgen ist. Das kann ein großer Trost sein, gerade wenn man krank ist oder Opfer von Gewalt wurde.
Darüber werden wir in dem Gottesdienst in Wangen sicher ins Gespräch kommen!

 

 

 

Rückblick

einblicke-ausblicke Gottesdienst am Sonntag, 2. April 2017

„Versprochen ist versprochen.“

Martin Luthers reformatorische Entdeckung für Menschen unserer Zeit neu entdeckt. 

Unser Gast: Professor Siegfried Zimmer
Musik: inside-out feat. Jenny Sprenger-Müller


Die wichtigsten Veränderungen in unserem Leben beginnen bei uns selbst.  
Für die Menschen des 16. Jahrhunderts war diese These Martin Luthers neu und faszinierend, ja geradezu erleichternd und befreiend. Nicht in dem, was wir äußerlich schaffen, leisten und bewerkstelligen, nicht in unserem gesellschaftlichen Erfolg können wir Frieden und Heil finden, sondern in uns, in unserem Inneren. Ich habe dafür kein besseres Wort als das alte Wort: in unserer Seele. Die wichtigsten Veränderungen in unserem Leben nehmen ihren Anfang in unserer Seele. Diese Behauptung ist schon eine Richtungsentscheidung. Denn es gibt auch andere Behauptungen, die viele Anhänger gefunden haben: Die wichtigsten Veränderungen in unserem Leben könnten wir durch äußerliche Anstrengungen und Übungen erzwingen oder einfach mit Geld einkaufen.  
Martin Luther hat in diesem Widerstreit eine bahnbrechende Entdeckung gemacht. Eine, die nicht nur sein Leben, sondern seine Kirche und mit ihr die geistigen und die gesellschaftlichen Landschaften in ganz Europa verändert hat. Der Zuspruch Jesu – „du bist geliebt“, „du bist in meinen Augen vollkommen und würdig,“ „du bist ein himmlisches Kind“ – dieser Zuspruch allein, hineingesprochen in unsere Seele, vermochte sein Leben von innen her völlig zu verändern und aus Zwängen zu befreien. Er konnte nun so etwas wie Frieden mit sich selbst und Gott empfinden – ein Zustand, nach dem sich viele Menschen sehnen.
In seinem Vortrag erläuterte Professor Siegfried Zimmer, welche Bedeutung diese reformatorische Entdeckung Martin Luthers auch für uns Menschen des 21. Jahrhunderts haben kann.
Carmen Strölin, Joachim Wolfer



einblicke-ausblicke Gottesdienst am Sonntag, 23. Oktober 2016

"Liebe deinen Nächsten - Ohne Grenzen?"
Wie sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit unsere Welt tatsächlich besser macht.
Gast: Jürgen Hammelehle, „Brot für die Welt“, Berlin
Musik: inside-out feat. Jenny Müller-Sprenger

Was wir in diesem Jahr mit Schrecken jetzt in unserer Heimat erleben, lässt sich nicht durch Mauern oder Zäune oder noch engere Sicherheitskonzepte wirklich eingrenzen. Wir erleben, dass die weltweite Verflechtung, von der bisher vor allem der reiche Norden profitiert hat, mit ihren dunklen Seiten auch bei uns angekommen ist. Und es gibt kein einfaches zurück.  
Aber können und wollen wir uns umgekehrt dafür einsetzen, dass unsere gesellschaftlichen und geistigen Strukturen, die für uns selbst bisher so hilfreich waren, nicht an Europas Grenzen Halt machen, sondern weitergetragen werden? Ist das noch ein Lösungsansatz – quasi „Europa“ zu den Menschen außerhalb Europas bringen, damit nicht die Menschen mit all ihren Lebenshoffnungen nach Europa kommen müssen?  
Ob dies realistische oder neokolonialistische Gedanken sind, darüber möchten wir in diesem Gottesdienst mit Jürgen Hammelehle von „Brot für die Welt“ ins Gespräch kommen. Und wie hilft Entwicklungszusammenarbeit tatsächlich?  
Jürgen Hammelehle ist schon viele Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und hat eine realistische Sicht auf das Miteinander in dieser komplexen Welt. Im Gottesdienst werden sich auch Mitarbeiter des EineWeltladens Wangen beteiligen, die sich schon viele Jahre für ein gerechtes Miteinander im ganz normalen Alltag, nämlich beim täglichen Einkauf einsetzen.
Musikalisch begleitet wird der Gottesdienst von der band „inside-out“ mit ihrer neuen Gospel- und Soulstimme Jenny Müller-Sprenger.
Pfarrer Joachim Wolfer

 

 

einblicke-ausblicke Gottesdienst am Sonntag, 6. März 2016

„Ohne Vergebung können wir nicht leben".


Gast: Altprälat Martin Klumpp          
Musikalische Begleitung: Band inside-out.

Jeder schaut mich verdutzt an, wenn ich ihm das Thema des neuen einblicke-ausblicke Gottesdienstes nenne. Dabei sind die Bitte einander zu vergeben und das riesengroße Glück, aus der Vergebung leben zu dürfen, ganz zentrale Erfahrungen im christlichen Glauben. Wir beten doch im Gebet Jesu: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern"? Und Paulus meint, wir erfüllen Jesu Gesetz, wenn wir einander die Lasten – gemeint ist unsere Schuld – tragen. Der christliche Glaube wird oft als ein Glaube missverstanden, der die Menschen immer wieder klein mache, weil er von ihrer Sünde und Schuld spreche. Aber das ist falsch.: Wir glauben an die Vergebung der Sünden. Und das ist im Grunde genau das Gegenteil, denn das richtet auf.
Oder sind viele Leute deshalb verdutzt, weil „vergeben" gar nicht mehr in unserem Leben vorkommt? Sollte das aber so sein, wären wir entweder perfekt geworden, oder wir lebten in einer Welt, in der wir Schuld verdrängen und uns so tatsächlich immer mehr in Schuld verstricken. Könnte das auch ein Grund für zunehmende Depressionen unter uns sein? Wie aber kann ich anderen vergeben ohne selbst um Vergebung zu bitten?

Wie geht das, wenn die anderen, die mich verletzt haben uneinsichtig bleiben oder einfach darüber lachen? Oder was ist, wenn ich mich nicht getraue, um Vergebung zu bitten, weil ich befürchte, dass meine Schuld zu groß ist? Gut, dass uns im Gottesdienst Altprälat Martin Klumpp, ein erfahrener Seelsorger, eine Schneise schlagen und uns wichtige Impulse zum Thema „Vergeben“ geben wird.
Der Gottesdienst wird wie immer musikalisch begleitet von der Band inside-out. Mit der Band singt in diesem Gottesdienst Jenny Sprenger-Müller. Sie arbeitet als Gesangs Coach beim Jugendtheater mit der Freien Bühne Stuttgart, singt in einer Big Band und seit 8 Jahren im „Go Vocal Gospelchor".

Joachim Wolfer

einblicke-ausblicke Gottesdienst vom 15.10.2015

„Das Eigene und das Fremde.“
Wie ein Miteinander gelingen kann
Gast: Doris Sommermeyer, Analytische Psychologin
Musikalische Begleitung: Band inside-out.

 

Dazu schrieb Pfarrer Wolfer folgenden Artikel im Gemeindebrief (März-Michel 2015):

Liebe Gemeinde,
„das Eigene und das Fremde“. Unter diesem Titel feiern wir am 15. März einen einblicke-ausblicke-Gottesdienst mit Doris Sommermeyer aus Stuttgart. Sie ist als analytische Psychotherapeutin auch in der Kirchlichen Beratungsstelle in Stuttgart tätig. Die Idee zu diesem Thema hatten wir nicht erst seit den jüngsten Ereignissen in Paris. Schon seit längerem bewegt mich selbst die Frage, wie ich in unserer bunten, aber auch widersprüchlichen Gesellschaft meinem eigenen Selbstverständnis treu bleiben kann – ohne mich abzukapseln und trotzdem offen zu sein für Veränderungen.
Als Vater von zwei Söhnen, die unseren Evangelischen Kindergarten und die
Wilhelmsschule besucht haben und besuchen, gab und gibt es dabei immer wieder ganz konkrete Anlässe. Können wir Eltern uns beim Elternabend darauf einigen, wie wir mit Computerspielen oder den Handys umgehen wollen? Brauchen denn Viertklässler schon ein Touchscreen-Handy? Schnell musste ich feststellen, dass wir Eltern darüber gar keinen Konsens mehr schaffen konnten. Ein Bildungsprob-lem? Die Religionen erlebe ich nur als einen Teil der Buntheit und Verschiedenheit in Wangen. In wie viele Milieus mit ihren unterschiedlichen Wertvorstellungen ist Wangen inzwischen aufgegliedert? Jeder nach seiner Façon. Zugegeben, auch ich selbst suche persönliche Freiheit und muss mir eingestehen, dass auch ich anderen fremd und unverständlich bin. Aber wie viel auseinanderstrebender Individualismus kann unsere Gesellschaft noch verkraften, ohne auseinander zu brechen? Wir nehmen folgerichtig wahr, dass unser Zusammenleben immer mehr über geschriebene Gesetze geregelt wird, weil wir uns kaum noch auf einen freiwilligen gemeinsamen Ethos, wie etwa die 10 Gebote, verlassen können. Immer mehr individuelle Freiheit hat auch ihren Preis. Wenn Kirchenmitglieder aus ihrer Kirche austreten – in welche Freiheiten eigentlich? – gibt mir das immer wieder einen Stich.
Nun wird diese Frage nach dem Eigenen und dem Fremden seit den Terrorakten in Paris unter „Allah u Akbar“ Rufen noch weiter gesteigert. Ob dies nicht ein Beleg dafür sei, dass das Fremde nicht nur fremd und unheimlich bleibe, sondern mehr und mehr zum Feind werde? Dagegen wehre ich mich. 
Seit einigen Jahren sind wir als Kirchengemeinde Mitglied im „Haus Abraham e.V.“ und machen in diesem Rahmen hoffnungsvolle Erfahrungen. Letztes Jahr nahm eine kleine Delegation unserer Kirchengemeinde beim Fastenbrechen in der bosnischen Moschee in der Kesselstraße teil. Wir wurden als Christen freundlichst begrüßt und haben unsererseits freundliche Grüße überbracht. Auch gab es ein gegenseitiges Hören auf die Bedeutung des Fastens in den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam. Wir sind schon dabei, miteinander zu reden. Das müssen wir verstärken. Welche Rolle spielt Mohammed, der Feldherr im Islam? Kann der Islam die Scharia doch reformieren? Kann der Koran auch historisch-kritisch gelesen werden, wie wir Christen dies mit der Bibel schon lange praktizieren? Es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Wir dürfen den Dialog nicht abbrechen lassen.
Ich glaube, dass wir als Christen in dieser Gesellschaft noch eine wichtige Rolle spielen werden. Nämlich bei der Frage, was uns Menschen trotz aller Buntheit und allem Eigenen zusammenhält. Wir sehen keine drei Götter im Himmel, sondern nur einen. Und Jesus hat uns gelehrt, dass dieser eine Gott uns Menschen zuallererst als seine Kinder sieht, nicht als Gläubige und Ungläubige. Ich empfinde dies nicht als meinen persönlichen Glauben, sondern als eine spirituelle Wahrheit für alle Welt – egal, wie wir uns selbst im hier und jetzt in Eigenes oder Fremdes einteilen und unterteilen.
Ihr Joachim Wolfer, Pfarrer

 

 

einblicke-ausblicke Gottesdienst am 16. März 2014

„Wir glauben nicht für uns allein.“


Im Verein „Haus Abraham e.V.“ sprechen Juden, Christen und Muslime miteinander von ihrem Glauben. Tolerant, verständlich und gleichberechtigt.
Claudia Marx Rosenstein ist in Sao Paulo aufgewachsen. Ihre Großeltern konnten als Juden noch rechtzeitig aus Nazideutschland fliehen.

In der brasilianischen Metropole fanden sie Zuflucht und eine neue Heimat und schließlich auch die Nähe zu einer jüdischen Gemeinde. Seit 2001 lebt nun Claudia Marx Rosenstein mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in Stuttgart. Was für die junge Familie eigentlich nur ein Aufenthalt auf Zeit sein sollte, wurde ein zweiter Lebensabschnitt.

Die Rosensteins fassen Fuß in der alten Heimat ihrer Großeltern, sind dort auch in der jüdischen Gemeinde, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, integriert.
Claudia Rosenstein gestaltet ihren zweiten Lebensabschnitt in Stuttgart auf eine besondere Weise. Fest beheimatet in ihrem jüdischen Glauben, engagiert sie sich für den interreligiösen Dialog: Den Dialog oder besser Trialog zwischen dem Judentum, dem Christentum und dem Islam.

Als Mitarbeiterin im Verein „Haus Abraham e.V.“ in Stuttgart, setzt sie sich dafür ein, dass sich Gläubige der monotheistischen Religionen auf Augenhöhe begegnen und sich einander von ihrem Glauben erzählen.


Neben den Veranstaltungen und Begegnungen in Moscheen, Kirchen oder Synagogen kümmert sich das Haus Abraham derzeit auch um ein Projekt mit der Montessori-Grundschule in Stuttgart-Hausen. „Am Ende des Projekts wollen wir mit den Schülern, Eltern und Lehrern eine interreligiöse Feier organisieren“, sagt Rosenstein, die seit einem Dreivierteljahr die Schule besucht.

„Der Prozess ist sehr spannend, denn es geht wirklich darum, sich mit anderen Religionen auseinanderzusetzen, zu lernen, wie jeder zu seiner Religion steht und was die eigene Identität ist“, sagt Rosenstein.
„Viele Christen, Juden und Muslime haben es hierzulande lange Zeit versäumt, sich miteinander zu befassen. Es gibt keine Feindschaft zwischen ihnen, aber eben auch keine Freundschaft“, sagt der ehemalige Oberkirchenrat Heiner Küenzlen. „Man lebt nebeneinander her.“

Das Haus Abraham, entstanden aus Freundschaften und persönlichen Beziehungen, wollte bei seiner Gründung 2009 genau dies ändern. Das Ziel war und ist, den Dialog miteinander anzuregen.
Ein weites Haus tut sich auf. Das Haus Abrahams. Eine alte Geschichte (1. Mose 18) erzählt von Abraham, wie er drei Fremde zu sich ins Zelt einlädt, seine Gäste zu sein. Man brachte diesen Fremden Wasser, ihre Füße zu waschen und Abraham ließ seine Gäste sich niedersetzen unter dem Baum.

Dann teilte er mit ihnen ein eigens zubereitetes Gastmahl. „Sein Haus“, schreibt Bin-Gorion, „stand allen Menschenkindern offen, den Vorbeiziehenden, den Heimkehrenden, und Tag für Tag kamen welche, um bei Abraham zu essen und zu trinken.

Wer hungrig war, dem gab er Brot, wer nackend in seine Haus kam, den hüllte er in Kleider und ließ ihn von Gott erfahren, dem Schöpfer aller Dinge.“  Abraham ist für alle drei monotheistischen Religionen eine wichtige Person. Er ist nicht nur leiblicher Stammvater des jüdischen Volkes und der Muslime. Für den Apostel Paulus ist Abraham auch geistlicher Vater der Christen.
In dieser Tradition steht das „Haus Abraham e.V.“ Es öffnet sich der Horizont einer bunten Gesellschaft, in der sich die Gläubigen verschiedener Religionen mit Respekt und Neugierde begegnen. Es ist schließlich auch der Horizont einer Gesellschaft, die die Religionen nicht verdrängt, weil sie vermeintlichen Unfrieden säen, sondern schätzt als Friedensstifter, als Mitarbeiter an einer guten Hausgemeinschaft der Menschen.


Diese Vision hat auch unseren Kirchengemeinderat in Stuttgart-Wangen im Herbst 2012 angesprochen, im „Haus Abraham e.V.“ Mitglied zu werden.
Claudia Marx Rosenstein, die Leiterin der Geschäftsstelle, erzählt im einblicke-ausblicke Gottesdienst von ihrem Leben, vom Verein Haus Abraham und ihren persönlichen Motiven, dabei zu sein und sich einzubringen.


Joachim Wolfer

Gefangen und doch frei?! 27. Oktober 2013

 

Artikel im Gemeindebrief zu diesem Gottesdienst:


Zu Besuch in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart


Die Zelle misst etwa eineinhalb Meter in der Breite und fünf Meter in der Länge. Gleich an der Zellentüre links hängen eine Toilettenschüssel und ein kleines Waschbecken an der Wand. Vom anderen Ende kommt Licht herein, das Fenster ist nicht mit Gitter, sondern mit einer Art Lochblech gesichert. In der Ferne sehe ich Weinberge vom Remstal. Drei Möbel stehen in dieser Zelle: ein aus orangefarbenem Hartkunststoff gegossenes Bettgestell mit einer dünnen Schaumstoffmatratze, eine kleiner Tisch mit einem Minifernseher und ein offener Spind aus demselben Kunststoffmaterial. Er ist mit Edding beschrieben.

Ich stehe in einer leeren Gefängniszelle in der JVA Stuttgart. Alle Zellen sehen gleich aus, erzählt uns Pfarrer Hans-Ulrich Agster. Er ist seit 2007 evangelischer Gefängnisseelsorger in „Stammheim“. Er hat uns eingeladen. Ursula Maier und mich. Denn wir wollen mit ihm in der Michaelskirche in Wangen den einblicke-ausblicke Gottesdienst feiern. „Gefangen und doch frei!?“ So wagemutig wollen wir unseren Gottesdienst nennen. Aber jetzt überkommen mich doch ganz beklemmende Gefühle. Ganz unfrei fühle ich mich. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich hier nicht durchdrehen müsste, wenn ich Tage, Monate oder gar Jahre in einer solchen Zelle eingesperrt wäre.
Es ist gerade 11 Uhr und im Gefängnisgang wird Zelle nach Zelle auf und wieder abgeschlossen. Die Gefangenen treten einzeln heraus. Mit einem Blechnapf. Sie bekommen ihr Mittagessen. Dann wird wieder abgeschlossen. Essen muss jeder alleine in seiner Zelle. 2,50 Euro gibt die JVA fürs Essen pro Tag und Häftling aus. Die Haftbedingungen sind besonders streng, denn Stammheim ist vor allem Untersuchungshaft. Da soll der Häftling so wenig wie möglich mit anderen sprechen können, denn sein Gerichtstermin steht ja noch vor ihm.


Als Hans-Ulrich Agster im Jahr 2007 vom Evangelischen Oberkirchenrat diese Stelle angeboten bekam, hat er nicht lange überlegt. Mit Stammheim verband
er zuerst die Geschichte der RAF. Aber seit er dort täglich ein und aus ging, merkte er schnell, im Alltag spielt diese Geschichte dort keine Rolle mehr.

Die Gefangenen beschäftigen andere Themen. Wie kann ich im Knast überleben? Was passiert mit mir da? Fast rund um die Uhr eingesperrt sein, das führt die Menschen in eine Extremsituation. Sie werden auf sich selbst zurückgeworfen. Angst und Unsicherheit begleitet sie, Wut und immer wieder auch Scham über das eigene schuldig werden. Kein Wunder, dass dabei auch religiöse Fragen aufbrechen. „Not lehrt beten“, erlebt Hans-Ulrich Agster immer wieder hier. Aber diese Weisheit klingt anders hier, ist keine Floskel.

Wie auch Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch hier im Gottesdienst anders klingen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...“ oder ein Psalmwort: „Der Herr führt die 3 Gefangenen frei.“

Es ist unserem Grundgesetz zu verdanken, dem vierten Artikel, „Jeder hat ein Recht auf freie Religionsausübung“, dass Pfarrer Hans-Ulrich Agster hier seinen Dienst tut. Und Kirche ist hier im Gefängnis immer wieder wie ein offener Himmel. An der Wand im Büro des Seelsorgers hängt ein von einem Gefangenen gemaltes Bild.

 

Es zeigt den Gottesdienstraum des Gefängnisses mit einer aufgebrochenen Decke. Darüber leuchtet der Himmel. Dabei sei es nicht einmal sein Lieblingsbild, meint Hans-Ulrich Agster. Es ist ein anderes, das denselben Gottesdienstraum voll bunt gekleideter Häftlinge zeigt. Etwa 80 Männer feiern regelmäßig die Gottesdienste mit. „Ich muss frei sprechen, ich muss die Männer anschauen können, damit ich spüre, was unter ihnen beim Zuhören vor sich geht und wie ich sie erreiche“ unterstreicht Hans-Ulrich Agster. Und immer wieder gelingt ein Moment der Freiheit. Auch beim Brot teilen.

Hans-Ulrich Agster hat als Pfarrer ein großes Privileg. Sein Beichtgeheimnis schafft Vertrauen. Ein offenes Ohr zu haben für jeden, der ihn sprechen will, ohne sich dabei gemein zu machen, ist ihm ganz wichtig. Wir fragen ihn: „Was ist anders hier als draußen in der scheinbaren Freiheit?“ Seine Antwort: „Wir haben draußen so viele Fassaden. Hier im Gefängnis muss man nicht herumlabern, man kann direkt sprechen, schnörkellos. Und man hat hier eine ganz andere Betroffenheit. 

 

„Schreibt uns nicht ab, gebt uns ’ne Chance.“ Denn die Formel „draußen seien die Guten, drinnen die Bösen“ das funktioniere nicht. Die „Freien“ und die „Gefangenen“ haben mehr, was ihnen gemeinsam sei, als was sie trenne. Und weiter gibt Hans-Ulrich Agster zu bedenken: Nehmen wir Christen ernst, was Jesus Christus spricht? „ Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ Dann können Christen Gefangene nicht abschreiben und vergessen, denn sie vergäßen Jesus selbst.

Joachim Wolfer