Ausflug ins LebensPhasenHaus Tübingen

Was für ein Bett! Ein Raunen geht durch die Reihen der Besucherinnen und Besucher. Nach unten, nach oben, links, rechts, Rückenteil heben, drehen. Alles geht. Und natürlich kommen auch gleich die Fragen dazu: Wieviel kostet so ein Bett? Wo kriege ich das? Zahlt das die Kasse?
Wir sind nicht im Möbelhaus. Wir befinden uns im LebensPhasenHaus in Tübingen. Ganz im Norden der Stadt, da, wo es schon wieder ländlich wird, wo Pferde und Kühe weiden. Das ist Teil des Konzepts dieser (Forschungs)Einrichtung. Weg vom universitären Betrieb, dorthin, wo kein Trubel das Schweifen der Gedanken stören kann. Denn hier steht eine ganz besondere Lebensphase im Mittelpunkt: Das Alter und die alten Menschen, vielleicht schon pflegebedürftig, angewiesen auf Unterstützung menschlicher oder technischer Art. Das zeigt sich bereits an der, jüngeren Menschen möglicherweise altbacken vorkommenden, Möblierung des Wohnzimmers. Die Besucherinnen und Besucher allerdings kommen aus verschiedenen Altersgruppen: Die junge Sozialarbeiterin, die Anregungen sucht, was sie alten Menschen beim präventiven Hausbesuch empfehlen kann, Berufstätige, die noch einige Jahre mitten im Leben stehen werden, Rentnerinnen und Rentner und heute eben auch zwei Damen über 90.
Menschliche Unterstützung, durch Familie und Bekannte, Nachbarn, professionelle Pflegedienste, ist das Eine. Aber Familie ist heute vielfach nicht mehr vor Ort oder nicht vorhanden, nicht jeder aus dem Bekanntenkreis oder der Nachbarschaft ist willig und fähig zu helfen. Dabei geht es auch um Menschen, die noch gar pflegebedürftig sind, sondern hier und da ein wenig Unterstützung benötigen.

Schauen wir uns Baden-Württemberg aus diesem Blickwinkel heraus an: Laut der gesetzlichen Pflegestatistik lebten Ende 2015 etwa 330.000 pflegebedürftige Menschen in Baden-Württemberg. Zwei Jahre vorher waren es knapp 300.000. Für das Jahr 2030 rechnete das Statistische Landesamt Baden-Württemberg mit 400.000 pflegebedürftigen Menschen. Allerdings: So viele waren es bereits Ende 2017. Natürlich sind davon viele im neuen Pflegegrad 1 und erhalten den Entlastungsbetrag von 125 Euro monatlich. Aber auch sie benötigen Unterstützungsleistungen.

Bei der Versorgung pflegebedürftiger Menschen – außerhalb stationärer Einrichtungen – rollt etwas auf unsere Gesellschaft zu, was noch schwer einzuschätzen ist. Vor allem fehlen Pflegekräfte; sie werden händeringend gesucht. Auch ambulante Pflegedienste müssen Anfragen abweisen, weil mangels Personal keine weiteren Kunden versorgt werden können. Ein Unding! Das Anwerben von Personal im Ausland allein birgt nicht genügend Potential, diesen Mangel auszugleichen. Benötigt wird Personal, das sich auch mit einem, im tiefsten schwäbisch schwätzenden, Klientel verständigen kann.

Bleibt noch die Unterstützung technischer Art, um selbstbestimmt und so lange wie möglich weiter in der eigenen Häuslichkeit zu wohnen. Und genau darum geht’s im LebensPhasenHaus. Es ist nicht nur das tolle Pflegebett, von dem Anfangs die Rede war. Es geht um die Ausstattung des Badezimmers und der Küche, um die Auswahl des Lichtsystems, die elektrischen Installationen in Haus oder Wohnung. Für vieles bietet das LebensPhasenHaus Lösungen an. Und zwar solche, die nicht am akademischen Schreibtisch erarbeitet wurden, sondern in Zusammenarbeit von Universität und namhaften Herstellern aus Baden-Württemberg. Diese Praxisnähe ist es auch, die den Wert einer Einrichtung wie das LebensPhasenHaus widerspiegelt.

Da lässt sich die Küchenarbeitsplatte hoch oder runterfahren, je nachdem Koch oder Köchin stehen oder im Rollstuhl sitzen. Da öffnet sich die Spülmaschine durch Klopfen an die Klappe und in einer Höhe, in der ein bequemes Einräumen der Körbe möglich ist. Und wenn vergessen wird, den Herd abzuschalten, macht das nach einer gewissen Zeit eben der Kollege Sensor, um Gefahr für Leib und Leben zu verhindern.
Um das Sturzrisiko zu minimieren, führen Lichtleisten in Boden nachts die Bewohnerin oder den Bewohner sicher zur Toilette, wobei das Licht in einer Frequenz ausgestrahlt wird, die den Menschen nicht aus seiner Tiefschlafphase reißt. Auch tagsüber wechselt die Beleuchtung. Blaues Licht am Morgen lässt die Menschen schneller aufwachen. Die Lichtschalter lassen sich an beliebigen Stellen anbringen, denn sie sind nicht mehr fest verbaut.

Und was im LebensPhasenHaus auch bestaunt werden kann: Die Vielzahl kleiner Helferlein für den Alltag, die einen Schlüssel ohne Kraftaufwand drehen oder Tuben bis zum Ende ausquetschen. Ein spezieller Messbecher erlaubt problemloses Ablesen der Flüssigkeitsmenge, eine Waage meldet mit Stimme, wie viel Mehl sich in der Waagschale befindet und ein Schneidebrett erlaubt einhändiges Brotschmieren.
Und so endet der Besuch im LebensPhasenHaus mit vielen neuen Erkenntnissen, aber auch vielen Fragen. Besucherinnen und Besucher sind beeindruckt, wie schwierige Situationen im Alltag alter Menscher schon durch Einsatz einfacher, aber natürlich auch hochwertiger Technologien bewältigt werden können. Unbeantwortet bleibt allerdings die Frage einer 94-jährigen Besucherin nach dem Verbleib des Geldscheißers, der das alles finanziert. Da müssen auch die freundlichen und kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LebensPhasenHauses passen, die sonst auf alle Fragen eine Antwort parat haben.
Aber das ist auch nicht ihre Aufgabe. Da muss die Politik ran und Rahmenbedingungen schaffen, die den Menschen, die eben solange wie möglich daheim leben wollen, dies auch ermöglichen. Denn das Pflegeheim soll für diese Menschen eigentlich nur die ultima ratio sein.
Dem LebensPhasenHaus wünscht man nach diesem Tag viele weitere Besucherinnen und Besucher. Es genießt einen so guten Ruf, dass ihm 2016 der Alterspreis der Robert Bosch Stiftung verliehen wurde. In Baden-Württemberg stellt es einen Leuchtturm dar in der Beforschung des Lebens im Alter. Auch das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg hatte bereits vor mehreren Jahren die Notwendigkeit und den Wert einer solchen Einrichtung erkannt und das Projekt gefördert. Heute ist es mit vielen europäischen Institutionen, die sich mit dem Thema Altern beschäftigen, vernetzt.
Was macht man nach so einem erkenntnisreichen und spannenden Besuch im LebensPhasenHaus, bevor man sich wieder in den Bus hockt? Man geht einfach ein Haus weiter ins benachbarte Hofgut und genießt Kaffee und Kuchen auf der sonnigen Terrasse. Schließlich sind die älteren Herrschaften doch in der Mehrzahl...

Gerade sie spielen eine wichtige Rolle im Projekt NACHBARSCHAF(F)T LEBEN, das von der Begegnungsstätte in Stuttgart-Wangen ausgeht und dessen Ziel es ist, Hilfe, Beratung, Unterstützung und Entlastung für pflegende Menschen im Quartier sowie Sensibilisierung für das Thema Demenz zu schaffen. Und weil Informationen zum Thema Altwerden heute ebenso nützlich wie wichtig sind, wird im Rahmen des Projekts am 24. September 2019 um 18:00 Uhr der Demografiebeauftragte des Landes, Thaddäus Kunzmann, in die Begegnungsstätte nach Stuttgart-Wangen kommen und einen Vortrag zum Thema Demographischer Wandel und seine Herausforderungen halten. Auch darauf darf man gespannt sein.

Theodor Fuchs