Lasst die Seelsorger rein!

Ja, wir nehmen das Virus ernst.
Wir halten Abstand, das Fitnesstudio ist abgesagt, der Tanzkurs ruht, die Kirchen hatten an ihren höchsten Feiertagen geschlossen, wir helfen in Nachbarschaften, damit Ältere zu Hause bleiben können, wir hüten unsere Kinder zu Hause, unterstützen sie bei den Lernpaketen, die sie jetzt vom Lehrer online zugeschickt bekommen
Ja, wir nehmen das Virus ernst.
Wir sind sogar bereit, Masken zu tragen, obwohl die Experten zu Beginn meinten, das würde nichts nützen, sondern sogar falsche Sicherheit vortäuschen. Heute wissen wir, dass sie das wohl auch deshalb gesagt haben, damit die wenigen Masken, die es damals gab, in den Krankenhäusern bleiben, oder dort, wo man sie noch nötiger braucht.
Ja, wir nehmen das Virus ernst.
Tatsächlich gibt es inzwischen auch so etwas wie einen Alltag im Außergewöhnlichen. Wir telefonieren. Ich telefoniere so viel wie nie. Und gar nicht mal so selten reden wir jetzt über sehr Persönliches und haben tatsächlich Zeit, uns auch etwas länger zuzuhören, wie neulich mit einem Herrn im Pflegeheim.Und wir hören im Bekanntenkreis, wer sich infinziert hat, wir hören genau hin. Wie geht es ihm, wie geht es ihr. Wir geht es dir? Oft hören wir, der Verlauf sei milde gewesen.Doch vor zwei Tagen bin ich auch wieder aufgeschreckt. Unser 38-jähriger Verwandter in Kanada, ist an den Folgen einer Corona Infektion gestorben. Er zählte zu den Risikogruppen.
Ja, wir nehmen das Virus ernst.
Und doch fangen jetzt die Zweifel an. Was tue ich, wenn ich zu einem Sterbenden gerufen werde?Warum darf die Ehefrau nicht aus dem Heim, um bei der Bestattung ihres verstorbenen Ehemannes teilzunehmen und dann wieder zurück?Warum darf ein Ehemann seine demente Ehefrau nicht wenigstens einmal in der Woche im Pflegeheim besuchen?Warum können wir nicht Gottesdienst feiern, wenn wir dabei auf das Abstandsgebot achten?So viele regelmäßige Gottesdienstbesucher haben wir in unserer Kirchengemeinde ja nicht wirklich. Im Supermarkt wird mehr gedrängelt.
Ja, wir nehmen das Virus ernst.
Aber wir sollten unsere Fragen und dort, wo wir wirklich eine Not spüren, uns auch ernst nehmen.Jesus sagt, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er lebt vom Austausch seiner Gedanken.Vom Hören und Reden und Sehen und Spüren und Schmecken und Riechen.Bei allem Telefonieren - unser Menschsein bedeutet doch, dass wir erst dann unser ganzes Menschsein erleben, wenn wir diesen Austausch in aller Sinnlichkeit erleben.Nicht nur als Audiodatei oder als Videostream. Fern-hören oder -sehen ist eine schöne Ergänzung, kann aber nicht das Nahesein ersetzen.
Ihr Joachim Wolfer